Moderne Radialreifen sind wahre Alleskönner: stabil bis Tempo 300, haftfreudig bis in hohe Schräglagen, souverän auf nassem Asphalt. Die Besten der Testsession von 2010 stellen sich den 2011er-Newcomern. Geht noch was?
Der Kampf um die Krone in der Sport- und Tourenreifenliga wird von Jahr zu Jahr spannender; denn mittlerweile kann die Reifenindustrie mit einem Entwicklungsstand aufwarten, der kaum noch Wünsche offen lässt. Es gibt Reifen, die problemlos dem Druck auf der Rennstrecke standhalten und selbst nach etlichen, scharf gefahrenen Runden nicht in die Knie gehen. Genauso gibt es Gummipaarungen, die bei Regen förmlich auf dem Asphalt kleben und nicht nur in Schräglage, sondern auch bei heftig angegangenen Bremsmanövern eine absolut souveräne Leistung zeigen. Der Motorradfahrer von heute hat den Luxus, sich für einen Reifen zu entscheiden, der exakt seinen persönlichen Vorlieben entspricht. Bis hier klingt also alles gut und nach eitel Sonnenschein.
Doch dann kommts dicke. Marketingabteilung und Vertriebsmanager schreien nach neuen Reifen, die Produktentwickler müssen es richten - streng nach olympischer Vorgabe "höher, weiter, schneller". Aus der können allerdings mächtige Probleme erwachsen; denn ein Mehrwert in einer Kategorie, zum Beispiel bei Nässe, kann schnell Defizite in einem anderen Bereich zur Folge haben.
Schwenken wir dazu kurz zurück: Beim letztjährigen Reifentest trat Michelin mit dem Power Pure an. Der zu dem Zeitpunkt brandneue Reifen hatte ein schweres Erbe anzutreten - bis dahin hatte der Pilot Power 2CT als extrem alltagstauglicher Sportreifen mit exzellenten Nässeeigenschaften eine große Fangemeinde um sich scharen können. Der Pure sollte nun nach Michelin-Meinung ein neues, bislang gänzlich unterrepräsentiertes Thema angehen: das Reifengewicht. Ziel war es nach Herstellermeinung, durch einen besonders leichten Reifensatz handfeste Vorteile beim Handling herauszufahren. Beim Test im 190/55er-Format auf der im MOTORRAD-Test 203 PS starken
BMW S 1000 RR ging der Schuss allerdings gewaltig nach hinten los: Auf der Rennstrecke nervte schlagartiges Abkippen in Kurven, deutliche Walkbewegungen am Hinterrad reduzierten das Tempo deutlich.
Die Kippeligkeit setzte sich auch auf der Landstraße fort. Unterm Strich konnte der leichte Pure gegen den ohnehin nur 500 Gramm schwereren Pilot Power keinen Stich machen. Besonders dramatisch fiel das Ergebnis beim Nasstest aus - bis dahin das Stammrevier von Michelin-Reifen. Zwar hatten es die Techniker geschafft, die Haftgrenze des Pure noch ein wenig weiter nach oben zu verschieben. Allerdings zulasten der Alltagstauglichkeit: Der Grenzbereich setzte spürbar später ein, das nutzbare Band war schmäler geworden. Sprich: Rutscher kündigten sich sehr spät und dann deutlich abrupter an und verlangten zudem nach einer blitzschnellen Korrektur. Deutlich komfortabler und mit mehr Sicherheitsreserven rollte man mit dem Pilot Power über regennasse Straßen.
Michelin hat schnell reagiert und schickt den Power Pure nun überarbeitet ins Rennen - erkennbar an der "D"-Spezifikation des Vorderreifens. Insgesamt lässt sich der Pure in der 2011er Abstimmung nun deutlich harmonischer bewegen.
Wobei allerdings auch auf die geänderten Rahmenbedingungen zu verweisen ist: Mit der
Honda CBR 600 RR und im "schmalen" 180/55-Format werden die Reifen bei Weitem nicht so gestresst wie im vergangenen Jahr in der Dimension 190/55 auf der BMW S 1000 RR. Obgleich die Grundcharakteristik des Pure auch beim Test mit der schwächer motorisierten 600er durchaus erkennbar blieb: Walkbewegungen im Rennstreckenbetrieb, spät einsetzender Grenzbereich auf nasser Strecke.
Das Beispiel Power Pure macht auf jeden Fall deutlich, mit welchem Fingerspitzengefühl an der Entwicklungsschraube gedreht werden muss. Vorteile in einem Segment werden meist mit Defiziten in anderen Bereichen erkämpft. Der neue Rosso II von Pirelli zeigt das deutlich: In seiner konsequent sportlichen Abstimmung mit brillanter Stabilität auch beim Einsatz auf der Rennstrecke kann er im Regen kaum einen Stich gegen die eher mit Allround-Eigenschaften versehenen Konkurrenten machen. Die Haftgrenze ist auf nasser Piste deutlich früher als bei den anderen Sportreifen erreicht.
Bei Bridgestone in Japan hat man bei der Konzeption der neuen Sportreifengeneration eine komplett andere Richtung eingeschlagen: Der Pro sollte im Vergleich zum BT 016 vor allem an Alltagstauglichkeit zulegen. Mächtig gefeilt hat die Crew um Cheftechniker Sumio Ito an der Nassperformance des Reifens und schafft es damit sogar auf den ersten Platz im Nasstest. Ein sensationelles Ergebnis, wenn man bedenkt, wo Bridgestone bislang gestanden hat. Beim 2010er Test baumelte am Vorgänger BT 016 jedenfalls noch die rote Laterne: schlagartiges Rutschen über beide Räder, weite Bögen bei der Kurvenwahl - die Tester waren auf nasser Strecke nicht begeistert. Ein Jahr später das genaue Gegenteil: breiter Grenzbereich mit hohen Haftreserven, schnellste Runde inklusive Topspeed-Wert auf der Nassteststrecke und dazu eine Leistung, die im Regen eigentlich nicht hoch genug bewertet werden kann: der beste Verzögerungswert beim vollen Griff in die Eisen. Die kleine Sensation am Rande: Michelin, bislang führend in der Nassperformance seiner Sport- und Tourenreifen, muss den Titel "bester Regenreifen/Sport" an Bridgestone abgeben.
Die Franzosen dürfte allerdings trösten, dass sie im Segment der - mittlerweile sehr sportlich konzipierten - Tourenreifen mit dem Nachfolgemodell des Road 2 weiterhin den Regenkönig stellen.
Das ungewöhnliche Aussehen des Pilot Road 3 mit seinem lamellenartig aufgeschuppten Vorderreifen geht in der Praxis tatsächlich auf. Nicht nur die Konkurrenz einschließlich der zweiten Neuentwicklung in diesem Test - Metzeler Z8 Interact - hat das Nachsehen. Der Entwicklungssprung zeigt sich auch beim Vergleich mit dem Road 2: noch höheres Kurventempo, noch kürzere Bremswege, noch engere Linienwahl in Kurven. Da möchte man gerne ein feuchtfröhliches Chapeau nach Clermont-Ferrand ausstoßen.
Wenn da nicht diese Defizite auf trockener Piste wären, die man vor allem in puncto Stabilität in Kauf nehmen muss - Tendenz bei Zug am Kabel steigend. Deutlich ausgewogener lässt sich der Dunlop Roadsmart bewegen, der bereits beim 2010er Test auf Suzuki Bandit 1250 bei nasser und trockener Piste überzeugte. Seine Devise: Überall gut mitmischen reicht auch, um am Schluss ganz oben zu stehen.